Begriffe Sadomasochismus

  • Bezeichnung für eine sexuelle Vorliebe, deren Mitglieder Erregung aus konsensuellen Spielen mit Machtgefälle und/oder Schmerzen bzw. aus Phantasien über Macht, Schmerzen oder Beschränkungen der Freiheit beziehen. Diese Bedeutung hat sich erst in den letzten Jahren durch die sadomasochistische Subkultur selbst wie durch die Arbeiten von Soziologen wie Weinberg, Thomas S. herausgebildet, geschichtlich wurde er für eine ganze Reihe von Vorstellungen verwendet.

    Das erste Auftreten des zusammenhängenden Begriffs wird in dem 1913 erschienen Aufsatz "Über den sado-masochistischen Komplex " von Isidor Sadger vermutet. Giese benutzt ihn zwar 1962, trennt aber Sadismus und Masochismus als Begriffe, vgl. dazu auch Geschichte der Forschung. Die eigenwillige Definition von S wie sie von Sartre, Jean-Paul vorgenommen wurde, findet sich dort. In vielen Artikeln, die von der Psychoanalyse geprägt sind wird Sadomasochistisch unterschiedslos für jede von Macht oder Unterwerfung geprägte Beziehung verwendet; also auch für Beziehungen des Einzelnen zur Obrigkeit oder Arzt - Patientbeziehungen. Auf diese Verwendung wird hier nicht weiter eingegangen.


    Eigenständige Vorstellungen über ihre Neigung werden von vielen Sadomasochisten als notwendig gesehen, weil die wissenschaftlichen Vorstellungen, teilweise auch die in Stand der Forschung vorgestellten neueren, sich oft unzureichend mit dem eigenen Erleben und Erfahrungen decken. Die meisten dieser Vorstellungen haben sich in den grösseren und kontaktfreudigeren sadomasochistischen Organisationen in den USA gebildet und werden insbesondere durch eine Welle von Büchern über den Sadomasochismus und in letzter Zeit auch über das Internet verbreitet. Ein großer Teil dieser Vorstellungen wurden von sadomasochistischen Lesben und Schwulen geprägt, siehe auch dort.


    Sadomasochismus in der Bedeutung wie er im Papiertiger verwendet wird geht als Begriff von der Vorstellung aus, dass es sich dabei um eine sexuelle Minderheit handelt. Ähnlich wie bei den Homosexuellen ist diese als eine Normvariante der Sexualität zu sehen, die eine eigene Subkultur mit eigenen Normen und Umgangsformen ausbildet. Dies entspricht der Sichtweise der modernen Soziologen, wie sie in3 und4 ausführlich beschrieben wird.


    Im Gegensatz zu den gängigen Vorstellung in der Geschichte der Forschung, dass der Sadomasochismus als Paraphilie eine Einschränkung der sexuellen Erlebnisfähigkeit darstellt, sehen viele Sadomasochisten selbst ihre Neigung als eine Erweiterung der sexuellen Möglichkeiten, da sie auf eine größere Palette von Reizen sexuell reagieren. Diese Einstellung hat zu dem Begriff Stino geführt und einige Sadomasochisten haben ein Gefühl der sexuellen Überlegenheit gegenüber Vanilles.


    Heute gehen wir von einem Modell zum Verständnis des Sadomasochismus wie ihn Sadomasochisten erleben aus, das in drei Schichten untergliederbar ist:


    Sichtbare Ebene:
    Top unterwirft Bottom. In letzter Konsequenz ist Bottom häufig physisch nicht in der Lage, eventuellen Übergriffen des Top Widerstand zu leisten, er ist ihm also faktisch ausgeliefert.


    Diese Ebene ist die, die diejenigen, die Sadomasochismus als Gewalt mit Zuckerkruste bezeichnen, ausschließlich sehen. Hier hat ausschließlich der Top die Kontrolle und diese äußerlich sichtbare, plakative Ebene ist bis heute für viele, auch liberale Vanilles eine Provokation, da sie nicht erkennen können, daß das eigentliche Erleben auf einer anderen Ebene stattfindet.


    Grenzsetzungsebene:
    Bei konsensuellen Sadomasochisten setzt der Bottom der Handlungsfreiheit des Top im Rahmen einer Absprache Grenzen (und hat somit das Sagen), es ist also im Hinblick auf die angestrebte Rollenverteilung eine paradoxe Situation. Auf dieser Ebene kann es so aussehen, als würde der Bottom den Top nur zur Verwirklichung seiner masochistischen Phantasien benutzen.


    Aus dem Paradoxon ziehen aber weder Top (der sich tendenziell kontrolliert fühlt) noch Bottom (der ja eigentlich Kontrolle abgeben will), Genuss. Diese Ebene hat nur die Funktion, die sichtbare Ebene einzuschränken. Die Grenzsetzung wird bei Spielern, die sich bereits gut kennen, häufig an Bedeutung verlieren, da bei wachsendem Vertrauen des Bottoms das Bedürfnis, die Handlungen des Tops zu kontrollieren, geringer wird


    Innere Ebene:
    Innerhalb der gesetzten Grenzen ist der Top derjenige, der handelt, der Bottom erlebt relativ reale Macht- oder Schmerzerlebnisse. Das Erleben der Beteiligten, das emotionale Skript läuft auf dieser Ebene ab, hier kommen dann auch Empfindungen wie Hingabe oder Geborgenheit beim eigentlich Unterdrückten auf. Auf dieser Ebene kann subjektiv auch die Beschränkung der Handlungsfreiheit des Tops wieder zurücktreten. Auf dieser Ebene ist die Inszenierung auch kein "Einander benutzen" mehr, sondern häufig überlagert von ausgesprochen partnerschaftlichen Gefühlen.


    Diese innere Ebene wird von mit dem Sadomasochismus nicht vertrauten Beobachtern regelmäßig nicht verstanden. Der vielleicht zentralste Punkt der sadomasochistischen Selbstvorstellungen ist die Konsensualität, die Tatsache, dass Sadomasochisten in der Praxis nur mit mündigen Partnern spielen und jede Tätigkeit nur im beidseitigen Einverständnis vorgenommen wird. Diese Abgrenzung zu den als Realsadisten bezeichneten Soziopathen hat mit dem Prinzip des Sadomasochismus als safe, sane, and consensual (sicher, mit gesundem Menschenverstand, im gegenseitigem Einverständnis) beinah einen Schlagwortcharakter erhalten. Ähnlich klassifiziert Weinberg in5 den Sadomasochismus als erotic, consensual, and recreational (erotisch, mit gegenseitigem Einverständnis, zur Erholung). Verbunden damit ist die Ablehnung von einer Verbindung von Sadomasochismus und realer Gewalt.


    Eine andere Sichtweise, genauso zutreffend, sieht Vertrauen als die Grundlage des Sadomasochismus. So weist Weinberg darauf hin:

    Zitat

    Trust is an important theme for SMlers...Trust inheres not just in the relationship established between the partners, but may also be built into the structure of the SM subculture, especially when the actors are relative strangers.

    Von den meisten Sadomasochisten wird - wie auch von den Autoren dieser Enzyklopädie - allgemein eine Verbindung zwischen Geschlecht und Vorliebe für eine gewisse Rolle, also Top oder Bottom, abgelehnt.


    Besonders die hartnäckige Vorstellung vieler Forscher, Frauen seien entweder alle "masochistisch" gepolt (vgl. auch Freud, Sigmund), oder - die neuere Variante - es gäbe keine Frauen mit dominant/sadistischen Vorlieben, wird als wirklichkeitsfern abgelehnt. Zu einem fast klassischen Streitpunkt zwischen der formellen, besonders medizinischen Forschung und der Sukultur ist die noch 1977 von Spengler verteidigte Vorstellung, dass es keinerlei Frauen ohne finanzielle Interessen in der sadomasochistischen Subkultur gäbe6. Mit größerer Öffentlichkeit der sadomasochistischen Subkultur wird diese Position von der Forschung langsam aufgegeben (findet sich aber immer noch in der Berichterstattung durch die Medien.


    Wie ausgeprägt und nach außen geöffnet und organisiert die sadomasochistische Subkultur ist, hängt extrem vom jeweiligen Land ab. Während in Ländern wie Japan ein großer Teil der "Subkultur" sich mit der Öffentlichkeit vermischt und in den USA oder Deutschland eine zunehmende Öffnung und Neubildung auch von überregionalen Gruppen stattfindet, sind andere Länder wie Irland oder China wegen moralischer Vorstellungen oder politischem Druck weiße Flecken auf der sadomasochistischen Landkarte.


    Sadomasochismus scheint als sexuelle Praktik und somit auch als Kennzeichen einer sexuellen Minderheit relativ jung, neuer als beispielsweise Homosexualität, zu sein. Während aus der Antike eine reiche Geschichte der Homosexualität überliefert ist, schweigen sich die Chroniken zum Auftreten eines einvernehmlichen Sadomasochismus aus. Dies gilt in Europa bis zum Ende des Mittelalters, was wahrscheinlich dazu führt, dass das Christentum Sadomasochismus nicht wie andere sexuelle Normabweichungen explizit verdammt.Es sind aus dieser Epoche nur wenige Berichte über sadomasochistische Praktiken bekannt.


    Mit der Renaissance und der damit eingeleiteten Moderne beginnt eine Phase, aus der diverse sadomasochistische Zeugnisse überliefert sind, von Romanen bis zu Berichten über Flagellationsbordelle. Es wird spekuliert, dass speziell das Auftreten von masochistischen Neigungen eine Reaktion auf den veränderten Stellenwert des Individuums zur Gesellschaft darstellen könnte.


    Über den Ursprung ihrer Neigungen besteht zwischen Sadomasochisten keine einheitliche Meinung. Allgemein wird davon ausgegangen, dass schlechte Kindheitserlebnisse, insbesondere Misshandlungen, bei der Mehrheit nicht die Ursache sind. Zwar gibt es Sadomasochisten, die Gewalt in der Kindheit erfahren haben und sie selbst als Grund für ihre Neigung sehen, aber dagegen steht die Mehrzahl derer, die keine besonderen traumatischen Erlebnisse hatten und trotzdem die gleichen Interessen haben. Auch wird nicht jeder, der in der Kindheit misshandelt wurde, Sadomasochist, so dass diese Vorstellungen eher als einer der vielen Vorurteile abgelehnt werden.


    Auch wenn die Meinung über Sadomasochismus als angeborenes oder erworbenes Verhalten unter Sadomasochisten selbst völlig auseinander gehen, werden die beiden Extreme (nur angeboren oder nur erworben) meist abgelehnt. Es ist von Sadomasochisten selbst bemerkt worden, dass in zumindest einigen Gruppen der Anteil von Einzelkindern und Erst-geborenen überproportional hoch zu sein scheint, eine formelle Untersuchung gibt es dazu allerdings noch nicht.


    Viele können jedoch ihre Neigung in die Kindheit zurückverfolgen, und als Erwachsene von einzelnen Situationen berichten, wo sie von Fesseln oder ähnliches fasziniert waren. Ob das nun als Schlüsselerlebnis die spätere Veranlagung ausgelöst hat oder die Betreffenden sich nur deshalb so lebhaft erinnern konnten, weil das Erlebnis in ihnen eine "Saite angeschlagen" hat, muss offen bleiben.


    Eine bewusste Entscheidung in Richtung einer sadomasochistischen Neigung hat bei einigen Teilnehmern an der Subkultur stattgefunden, ohne dass klar ist, ob sie auch als Sadomasochisten einzuordnen sind4. Damit gäbe es drei verschiedene Möglichkeiten, die Neigung zu erklären: erworben durch Lebenserlebnisse, angeboren oder bewusst gewählt.


    Als Erwachsene wird die Neigung als "Verlangen" oder "Begierde", teilweise sogar als "Hunger" empfunden. Eine neuere und besonders in Deutschland bis Mitte der 90er noch sehr umstritten gebliebene Vorstellung ist die Unterscheidung von zwei getrennten Gruppen von Vorlieben innerhalb des SM: Einmal in Richtung einer Vorliebe für das Zufügen oder Erfahren direkter körperlicher Empfindungen, allen voran den Schmerzen, meist mit SM bezeichnet; zum anderen eine Vorliebe für das Herbeiführen oder Annahme einer Statusänderung, dem DS.


    Demnach gibt es z.B. Sadomasochisten, die Schmerzen um des Schmerzes Willen genießen, während andere im Sinn des Power Exchange ein Gefühl der Machtaufgabe oder -übernahme erfahren. Ähnlich wie bei der Vorstellung des Switch liegen beide Vorlieben bei Sadomasochisten meist in einer Mischung vor, die in der Praxis eine Teilung nicht wirklich zulässt, wenn auch einzelne Sadomasochisten eine Vorliebe bis zur Ausschließlichkeit zeigen können. Über die Ursprünge einer Vorliebe für DS oder SM gibt es keine Vorstellungen und es scheint auch durchaus die Fähigkeit zu geben, ein Genießen der anderen Richtung zu erlernen.

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