Begriffe Pornographie und Vergewaltigung

  • Der Versuch einer gezielten Zensur von sadomasochistischer Pornographie ist eins der deutlichsten Zeichen der mangelnden gesellschaftlichen Akzeptanz des Sadomasochismus. Hauptbegründung in den letzten Jahrzehnten waren die Spekulationen über eine kausale Beziehung zwischen dem "Konsum" von Pornographie, insbesondere "gewalttätiger" Pornographie und Vergewaltigungen. Zusammengefasst unter dem Schlachtruf Pornography is the theory, rape the practice gehört der "Krieg" gegen sadomasochistische Pornographie zu den vorrangigen Zielen radikaler Feministinnen, am lautesten in den USA und in Deutschland, dort insbesondere die EMMA-Gruppe unter Schwarzer, Alice in ihrer PorNO-Kampagne. Bezeichnend ist, dass das Titelbild zu PorNO eine Zeichnung von Willie, John zeigt.

    Historisch begonnen wurde allerdings der organisierte "Kampf" gegen die Pornographie im allgemeinen und "aggressive" Pornographie im speziellen allerdings von Männern (siehe für das Folgende auch3), z.B. die amerikanischen Politiker Senator Kefauver4 oder J. Edgar Hoover in den frühen 60ern , sowie Lord Longford4 in England Anfang der 70er. In einem zentralen Bericht fand die U.S. Commission on Obscenity and Pornography aufgrund von damals vorliegenden Studien 1970 keine Beweise, dass explizit sexuelles Matieral eine signifikante Rolle in der Ausbildung kriminellen Verhaltens spiele. Die britische Committee on Obscenity and Film Censorship kam 1979 zu dem gleichen Ergebnis. Einer der Hauptkritikpunkte an dieser Studie war allerdings das Fehlen von Untersuchungen von Langzeitauswirkungen "aggressiver" Pornographie; wie unter Pornographie beschrieben, waren diese Formen damals aber auch nicht so einfach zugänglich wie heute.


    Retrospektive Untersuchungen an verurteilten Sexualverbrechern brachten schon sehr früh keine Unterstützung für die Theorie eines Zusammenhangs zwischen Pornographie und Vergewaltigung ein. So kann behauptet werden:

    Zitat

    Sex offenders generally reported sexually repressive family backgrounds, immature and inadequate sexual histories, and rigid conservative attitudes towards sexuality. During adolescence they had had less experience with erotica than other groups.

    allerdings mit den üblichen Einschränkungen bei retrospektiven Studien.


    Ende der 70er wurden die bis dahin meist auf radikale Christen und Erzkonservative beschränkten Anstrengungen von feministischen Gruppen unter dem Motto Pornography is the theory, rape is the practice aufgenommen und obwohl sich andere Feministen ihnen entgegenstellten, zeigte sich diese Allianz stark genug, um das öffentliche Meinungsbild nachhaltig zu prägen und in einigen Ländern auch ohne stichhaltige Beweise Gesetzesänderungen zu bewirken. Meist in Folge dieser Behauptung wurden insbesondere von Sozialwissenschaftlern ganze Serien von Laborexperimenten, meist mit PCR-Messungen, durchgeführt. Dabei wurde sadomasochistische Pornographie mehr und mehr zum Forschungsthema, zum einen weil erwartet wurde, dass so die bei "normaler" Pornographie auch vermutete, aggressive Reaktion gegenüber Frauen besonders deutlich hervorrufbar sein müsse; zum anderen, weil Vergewaltigung zunehmend nicht mehr nur als Sexual-, sondern auch als Gewaltverbrechen betrachtet wurde. Besonders die frühen Experimente wurden aber unter so künstlichen Bedingungen durchgeführt, daß die Resultate, gleich in welcher Richtung, als fraglich angesehen werden müssen.


    In einer wichtigen Studie von 1977 schloss Abel, dass Vergewaltiger erzwungenen Geschlechtsverkehr dem einvernehmlichen vorzogen. Er entwickelte den Rape Index als Versuch, aus PCR-Messungen eine Vorhersage über die Wahrscheinlichkeit zu machen, dass der Mann ein Vergewaltiger werden könnte7. In Folge wurden Ende der 70er weitere Untersuchungen angestellt, teils mit unterstützenden, teils mit abweichenden Ergebnissen. So fand Quinsey8 zu seiner Überraschung bei einer Untersuchung von auf Tonband aufgenommen Geschichten bei verurteilten Vergewaltigern und Normalpersonen:

    Zitat

    Rapists did not respond more than non-sex-offenders to the sadistic or masochistic bondage and spanking stories; perhaps more surprisingly, rapists did not respond differently than normal subjects according to whether or not victim/partner consented or not.

    Mitte der 80er warfen mehrere größere Studien die Vorstellungen von Abel um. Inzwischen ist belegt worden, dass auch Vergewaltiger stärker auf Darstellungen einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs reagieren als auf erzwungenen. Eine Unterscheidung auf Grund des Rape Index oder anderer, einfacher Methoden kann experimentell nicht bestätigt werden und wird theoretisch auch nicht dem komplexen Phänomen der Vergewaltigung gerecht. Es muss noch einmal deutlich gemacht werden, dass es Studien zu den bevorzugten Pornographie-Inhalten bei Sadomasochisten noch nicht gibt.


    In einer Längsschnittuntersuchung fand Kutchinsky 1991 keinen Zusammenhang zwischen der Vergewaltigungsrate in Deutschland, Dänemark, Schweden oder der USA und der Menge von sadomasochistischer Pornographie über den Zeitraum von 1964 bis 1984. Während gesichert ist, dass die Verfügbarkeit von sadomasochistischer Pornographie in dieser Zeit drastisch gestiegen ist (siehe dort), blieb die Vergewaltigungsrate in den europäischen Ländern konstant. Lediglich in den USA stieg die Rate, allerdings auffällig parallel zu der Rate des aggravated assault (schwere und leichte Körperverletzung), ein Phänomen, das nicht in Europa zu beobachten ist, aber für die USA bis in die 30er Jahre zurückzuverfolgen ist. Unklar ist für die Daten der USA aber, warum eine auf (sadomasochistische) Pornographie beruhende Vergewaltigungsrate um 1979 einen Höhepunkt erreichen sollten, um bis 1983 ab zufallen: gerade in dieser Zeit begann eine rasante Zunahme der SM-Anteile in der Mainstream-Pornographie.


    Besonders interessant sind die Statistiken für Deutschland, da sie hier seit 1971 sehr differenziert geführt werden. Von 1971 bis 1987 nahmen die Zahlen für Vergewaltigungen durch einen Fremden und Gruppenvergewaltigung ab (in der Gesamtstatistik ausgeglichen durch einen Anstieg der Sexuelle Nötigung ohne Vergewaltigung). Es findet sich weder ein schlagartiger Anstieg der Vergewaltigungsrate um 1973 (als Pornographie legalisiert wurde), noch überhaupt ein Anstieg. Kutchinsky folgert daraus:

    Zitat

    Overall there was no increase in the actual number of rapes committed in West Germany during the years when pornography was legalized and became widely available.

    Das gleiche gilt für Dänemark und Schweden. Zu Recht fragt Kutchinsky, warum die drastische Erhöhung der Verfügbarkeit von Pornographie sich über 20 Jahre nicht in den Vergewaltigungszahlen von vier Ländern niederschlägt.


    Neben direkten Studien zu dem Thema ist auch inzwischen gezeigt worden, dass der Einfluss solcher Medien allgemein weit geringer zu sein scheint als bisher behauptet. Auch haben neuere Untersuchungen zum Phänomen des debriefing gezeigt, dass durch Gespräche nach einem Einwirken von "grausamen" Materialien jeder im Labor gemessene Effekt überraschend leicht aufgehoben wird.

Teilen