Kurz vor meinem 17. Geburtstag war ich also von zuhause ausgezogen und begann meine Ausbildung zur Krankenschwester. Jetzt wird man aber nicht einfach so von einer frechen Göre zu einer netten, einfühlsamen Schwesternschülerin. Es dürfte also wenig verwundern, dass ich häufig aneckte. Meine schulischen Leistungen waren hervorragend und an meinen praktischen Leistungen bei der Behandlung und Pflege gab es nichts auszusetzen, aber mein allgemeines Verhalten ließ stark zu wünschen übrig. So genoss ich meine neu gewonnene Freiheit, war viel unterwegs, verschlief morgens oft, war oft mürrisch, drückte mich vor Aufgaben, die ich nicht mochte und wurde frech zu den Krankenschwestern, die die Verantwortung für mich hatten. Kein Wunder also, dass ich regelmäßig schlechte Beurteilungen erhielt.
Mein Selbstbewusstsein war bei ungefähr - 5 und mich plagen Versagensängste und der Ärger über mich selbst. Oft stellte ich mir vor, dass unser Schulleiter, der gleichzeitig unser Kursleiter war, mir den Po versohlt, wenn ich mal wieder eine schlechte Beurteilung erhalten hatte. Bis zur Zwischenprüfung machte mir die Ausbildung keinen Spaß mehr, ich hatte Angst die Ausbildung nicht zu schaffen und war überzeugt davon, dass dieser Weg der falsche war. Obwohl ich die Zwischenprüfung nur mit 1en und 2en abgeschlossen hatte, dachte ich darüber nach, die Ausbildung abzubrechen.
Meine "Rettung" war dann der Außeneinsatz bei der Sozialstation kurz nach der Zwischenprüfung. Ich wurde da Marlies, der Cousine meiner Mutter zugeteilt, die auch immer zu meiner Oma kam, bis diese starb. Ich hatte mein Ziel wieder vor Augen. Dank Marlies und ihrem Mann, dem ich kurz danach auf Intensivstation zugeteilt wurde, und einem unglaublichen Mentoring der beiden, schaffte ich auch öfter gute Beurteilungen und gewann langsam an Selbstbewusstsein.
Als ich ins 3. Lehrjahr kam, lernte ich bei einem Besuch einer Bekannten einen Mann kennen, der 6 Jahre älter war als ich. Er war nett, schenkte mir Aufmerksamkeit und ich verliebte mich Hals über Kopf. Ich stellte ihn relativ schnell meiner Mutter vor. Sie ließ von Anfang an kein gutes Haar an ihm. Mehr aus Trotz als alles andere heiratete ich ihn nur 3 Monate später. Ich war halt jung und dumm. Oder wie ich die Situation heute gerne umschreibe: "Traue nie den strahlenden blauen Augen eines Mannes, es könnte auch die Sonne sein, die durch den holen Kopf scheint."
Ich hätte schon vor der Hochzeit stutzig werden sollen, da er allein 2 Mal in den 3 Monaten den Job wechselte, Schulden hatte, auch Mietschulden hatte, aus seiner Wohnung flog. Für alles hatte er natürlich eine Ausrede parat. Schuld waren die anderen, logisch. Aber, da wiederhole ich mich: Jung, dumm und ein Mann, der mir Aufmerksamkeit schenkte, die ich nicht kannte. Nach der Hochzeit lernte ich ihn langsam kennen und stellte mehr und mehr fest, dass ich ein Kind geheiratet hatte, das keinerlei Verantwortung übernahm, gerne zuviel trank und dann unberechenbar wurde. Ich bezahlte seine Unterhaltsschulden, weil eine Erzwingungshaft angeordnet war und machte selbst meine ersten Schulden.
Kaum mit der Ausbildung fertig, wollte er ein Kind von mir. Erst wollte ich nicht, redete mir aber ein, dass er sich bestimmt bessern würde, wenn ein Kind im Spiel wäre. Also setzten wir die Verhütung aus. 3 Monate späte wurde ich schwanger und er änderte sich... Natürlich nicht. Also hoffte ich, dass alles besser wird, wenn das Kind erstmal da ist. Er bestand immer wieder darauf, dass ich nicht stillen sollte, weil das viel einfacher und flexibler wäre. Und zunächst stimmte ich dem auch zu. Allerdings eher, weil ich während der Ausbildung ein par Mal Mütter gesehen hatte, mit schlimmen Brustentzündungen und davor hatte ich Angst.
2 Ärzte hatten uns gesagt, dass wir ein Mädchen bekommen sollten. Der Tag der Geburt meines 1. Sohnes veränderte vieles. Hatte mein Mann sich auf die Geburt noch gefreut, war die Freude nur wenige Minuten nach der Geburt vorbei. Es musste kurzfristig ein Kaiserschnitt durchgeführt werden. 3 Wochen zu früh, da die Herztöne nicht gut waren und eine Schwangerschaftsvergiftung drohte. Mein Mann durfte dabei sein. Als ich, nach dem die Naht fertig war, in den Kreißsaal zurück kam, lag mein Sohn allein in seinem Bett. Mein Mann schaute den kleinen nicht mal an. Die Hebamme fragte nach dem Namen und er sagte nur: Mach was Du willst. Ich wählte die männliche Form des Namens, den wir uns für ein Mädchen ausgesucht hatten. Und dann passierte das, was irgendwie das Ende unserer Ehe einleitete: Die Hebamme fragte mich, ob ich stillen wollte und aus einem Instinkt heraus antwortete ich: "Ich möchte es gerne versuchen." Mein Mann redete lange kein Wort mit mir. Irgendwann fragte ich, ob es wirklich so schlimm sei, dass es ein Junge geworden ist. Seine Antwort war: "Nein, aber er ist ein Krüppel" Er hatte tatsächlich eine Fehlstellung am Fuß, diese konnte aber mit Hilfe von Schienen und Physiotherapie problemlos korrigiert werden.
6 Wochen lang fuhr ich alle 3 Tage mit dem Bus zum Orthopäden weil der Gips gewechselt werden musste. Ich war trotz frischer OP völlig auf mich gestellt mit dem Kleinen. Nur wenn wir Besuch hatten oder irgendwo hin fuhren um den Kleinen zu zeigen spielte er sich als "Papa" auf. Sonst beschwerte er sich eher darüber wie eingeschränkt wir doch seien, weil ich ja stillen wollte. Wir konnten den Bub ja nicht mal irgendwo abgeben.
Ich liebte mein Kind und wollte eine gute Mutter sein. Aber innerlich fiel ich wieder zusammen und meine Sehnsüchte nach einem Hinternvoll wuchsen ins unermessliche. Anfangs hatte ich meinem Mann mal von meinen Fantasien erzählt, aber er erklärte mich für verrückt und sagte, er würde keine Frauen schlagen. Irgendwann suchte er sich eine 15-Jährige und verließ mich für sie an meinem 22. Geburtstag. Er wollte "seine Freiheit zurück", hatte "keine Lust auf die Verantwortung" und wollte "am Wochenende auf Party gehen". Was ja nicht ging, weil ich stillte.
Da war ich also. 22, alleine mit meinem Kind. Wollte nicht von Sozialhilfe abhängig sein. Ich fing also wieder an zu arbeiten. Meine Eltern unterstützen mich in der Zeit sehr viel. Sie nahmen oft den Kleinen, wenn ich am Wochenende arbeiten musste. Der Kleine liebte sie und sie liebten ihn. Da schluckte ich die ein oder andere Spitze meiner Mutter ganz gerne. Mein Noch-Mann strebte die Privatinsolvenz an und ich übernahm alle Schulden, die nicht von der Privatinsolvenz gedeckt waren. Was im Nachhinein natürlich auch total blöd von mir war. Jung, dumm, 0 Selbstbewusstsein, ihr wisst schon..
Nach einer Zeit von 2 Jahren, in der ich mein Leben versuchte in den Griff zu kriegen und mich sexuell das erste Mal richtig mit unterschiedlichen Männern auslebte, traf ich einen Mann wieder, den ich mal gesehen hatte, als ich mit meinem Noch-Mann noch zusammen war. Wir tauschten Nummern aus, trafen uns ein par Mal auf dem Spielplatz und verabredeten uns öfter. Mein Sohn mochte ihn. Wir redeten viel und ich erzählte ihm auch von meinen Wünschen bzgl. des Povoll. Er hörte interessiert zu, konnte damit aber nichts anfangen. Trotzdem fühlte ich mich bei ihm wohl und ich verliebte mich in ihn. Meine Sehnsüchte ließen plötzlich nach. Er war verständnisvoll und nett und sogar meine Mutter mochte ihn. Ich hatte bei ihm alles was ich brauchte. Kurz vor meinem 25. Geburtstag kam unser gemeinsamer Sohn zur Welt.
Er war zu dem Zeitpunkt arbeitslos und es gab auch da schwierige Zeiten. Da er auf dem Hunsrück keine Arbeit fand suchten wir auch weiter weg und er fand durch einen Freund Arbeit am Rande des Odenwaldes. Wir zogen also hierher. Und heirateten kurz danach. Das war vor 17 Jahren. Immer Mal wieder kam das Thema Povoll kurz auf, aber es drängte mich nicht so sehr, dass ich es unbedingt bräuchte und er konnte sich gedanklich nicht damit anfreunden. Deshalb drängte ich ihn auch nicht. Als mein Ex-Mann den Großen zur Adoption frei gab, wurde unser Glück perfekt. Eigentlich befreiten wir ihn nur aus der Unterhaltspflicht. Er sah seinen Sohn eh nur 3-4x im Jahr und das Familiengericht hatte bereits gedroht das Sorgerecht zu entziehen, weil er so unkooperativ mir und dem Jugendamt gegenüber war.
Das erste Mal erwachte meine Sehnsucht wieder nach ca 5 Jahren. Ich kann noch nichtmal sagen, was der Auslöser war. Aber plötzlich spürte ich wieder den Wunsch nach einem Povoll. Und dieser Wunsch wurde immer stärker. Natürlich sprach ich mit meinem Mann darüber, aber er machte mir klar, dass er das nicht kann. Und ich verdrängte das Gefühl wieder. Wir hatten uns eine gute Basis geschaffen. Er arbeitete, war viel unterwegs und ich kümmerte mich um die Kinder, arbeitete in Minijobs. Obwohl wir zu Beginn beide sehr viele Schulden hatten, haben wir es geschafft durch Sparsamkeit unsere Schulden nach und nach abzutragen. Wir trugen beide Verantwortung.
2011 fing ich bei einem Pflegedienst an, dessen Stellenanzeige ich einfach inhaltlich gut fand. Zunächst nur auf Minijob-Basis. Aber innerhalb von 2 Monaten konnte ich für meine Kinder eine Tages-Mutter organisieren, die auch an den Wochenenden auf die Kinder aufpasste. Und arbeitete dann halbtags und wurde schnell zur Teamleitung. Die damalige PDL war eine tolle Frau und Mentorin. Sie hat das Wort Pflege für mich nochmal neu definiert. Leider hatte ich nur eine kurze Zeit mit ihr. Sie erkrankte ungefähr ein halbes Jahr später an Krebs. Der Krebs sollte siegen und als es dem Ende zuging, bestand sie darauf, von mir gepflegt zu werden. Wir hatten viele tiefe Gespräche und trotz ihres nahen Todes lehrte sie mich noch einiges.
Ihr vorheriger Stellvertreter sollte die neue PDL werden und sie schlug mich als Stellvt. PDL vor. Die Firma bei der mein Mann angestellt war, wurde insolvent und er verlor seinen Job. Wir sprachen viel darüber, dass sein neuer Job so sein sollte, dass er zuhause mehr Verantwortung übernehmen könnte, damit ich meiner neuen Position gerecht werden konnte. Das klappte mal mehr mal weniger gut. Der Papa ist halt nicht die Mama, es gab öfter Krach zwischen den Kindern und meinem Mann. Es fehlte die Struktur. Also versuchte ich immer wieder ihm meine Strukturen zu erläutern, ohne gleichzeitig zu Anspruchsvoll zu werden, weil er eben er war und nicht ich.
Gleichzeitig eskalierte die Situation zwischen meiner Mutter und mir. Sie erzählte dass in ihrer Nähe ein Job für meinen Mann frei wäre und er sich doch da bewerben sollte. Als Krankenschwester würde ich ja problemlos einen Job finden. Ich sagte ihr, dass wir jetzt hier unseren Lebensmittelpunkt hatten, dass ich meine Kinder jetzt nicht aus ihrer gewohnten Umgebung reißen würde und ich froh war, dass endlich Ruhe eingekehrt war. Es folgte der Vorwurf, dass ich schließlich die einzige sei, die meine Eltern mal pflegen könnte, ich aber so weit weg war. Mein Mann hätte ihr die Enkelkinder weg genommen, ich sei so selten da, dass sie vermutete er würde mir verbieten sie zu sehen etc.. Und ich sagte: Er ist der Mann, den ich liebe und wer sich gegen ihn stellt, der braucht von mir nichts zu erwarten. Das war für sehr lange Zeit das letzte Mal, dass wir uns sprachen.
Im Job nahm die neue PDL das Ruder in die Hand zentrierte alles sehr auf sich, so dass oft das Gefühl auf kam, dass meine Stellvt. Eher nur auf dem Papier bestand. In seiner Art, es jedem Recht machen zu wollen merkte er nicht, dass die Mitarbeiter das alles gar nicht mehr leisten konnten und so ging es im Unternehmen irgendwie Bergab. Dazu kam, dass er die ein oder andere Sache machte, die nicht ganz ehrlich war. Als das langsam aber sicher auffiel, verabschiedete er sich im Jahr 2015 in den Weihnachtsurlaub und wart seitdem nicht mehr gesehen. Er war krankgeschrieben und im März 2016 kam es zu einem Gespräch zwischen meinen beiden Chefs, dass so eskalierte, dass klar war, er würde nicht wieder kommen.
Danach folgte ein langes Gespräch zwischen mir und dem Chef, wie es weiter gehen könnte. Die Existenz des Pflegedienstes stand auf dem Spiel. Man muss vielleicht wissen, dass mein Chef diesen Dienst gründete als ich noch im Kindergarten war. Also lange vor der Pflegeversicherung noch als Verein. Es ist sein Lebenswerk. Und er wollte sein Lebenswerk jetzt in meine Hände legen. All Sein Vertrauen ruhte auf mir. Er hatte eine Altenpflegeschule über unseren Dachverband ausgemacht, die die PDL Ausbildung verkürzt im Zeitraum von 1 Jahr, statt wie üblich 1,5 Jahren anbot. Im Mai sollte die Ausbildung starten, Und er hatte auch genau dieses eine Jahr. Ich wurde im Mai als kommissarische PDL gemeldet und genau ein Jahr später musste er mich als PDL mit Ausbildung melden, sonst hätte er von der Pflegekammer die Kassenzulassung entzogen bekommen. Es gab keinen Plan B. Ich durfte nicht versagen. Die Prüfung hätte ich zwar wiederholen können, aber dann wäre es zu spät gewesen.
Ich musste also zeitgleich einen Pflegedienst leiten, von dem ich keine Ahnung hatte, wie man das tut. Drückte Die Schulbank und schrieb an meine Facharbeit. Oft hatte ich am Ende eines Monats 250-260 Arbeitsstunden. Und mein Mann? Unterstütze mich, aber ich merkte, dass dies mit der Zeit rückläufig war. Ich hatte etwas das Gefühl, dass je mehr ich mich vorwärts entwickelte, desto mehr war es bei ihm rückwärts. Die Streitigkeiten zwischen ihm und den Kindern wurden mehr, er war manches Mal echt ungerecht zu ihnen und bei manchem Streit überlegte ich mir plötzlich, wer jetzt hier eigentlich das Kind ist.
Unter diesem Druck hatte ich wieder Fantasien und die Sehnsucht nach einem Povoll. Und ich machte Fehler. Eine Menge Fehler, die meinen Chef durchaus Geld kosteten. Hatte ich zuvor Fantasien, in denen mein Mann mir den Po versohlte, kam er jetzt aber nicht mehr da vor. Es waren eher andere Personen in meinem Kopfkino. Mein wurde teilweise sehr unselbstständig, tat nur noch, wenn ich ihm was sagte und entwickelte sich mehr und mehr zu meinem 3. Kind, statt ein Partner an meiner Seite zu sein.
Trotz dem Stress schaffte ich irgendwie die Ausbildung und die Leitung des Pflegedienstes viel mir auch immer leichter. Auch Dank einer Mitarbeiterin der AOK, mit der ich am Anfang viel Stress hatte. Ich habe von Anfang an gesagt bekommen Frau H. ist doof, die lehnt immer alles ab. Und es war auch so. Kaum eine von mir beantragte Verordnung ging bei ihr durch. Eines morgens saß ich wieder im Büro und hatte eine Ablehnung in der Hand. Ich rief sie also wieder sauer an. Und wie es in den Wald reinschallt... Der Ton des Telefonats war nicht schön. Irgendwann nahm ich mich aber zusammen, holte tief Luft und sagte: Fr. H., ich habe von dem ganzen Mist keine Ahnung. Jetzt stellen Sie sich bitte mal vor, ich bin in der 2. Klasse und erklären es mir nochmal. In dem Moment legte sich auch bei ihr der Schalter um und sie bot an, mir bei einer Tasse Kaffee alles in Ruhe zu erklären. Wir vereinbarten also einen Termin und sie kam extra von Frankfurt her gefahren. Wir wurden dann wirklich Freunde. Leider ist sie Ende letzten Jahres in Rente gegangen.
Ab dem Mai 2017 stabilisierte sich alles wieder. Ich hatte keinen Schulstress mehr, hatte den Betrieb mehr und mehr im Griff und wir erlebten ein riesiges Wachstum. Mehr als doppelt so groß wurde der Pflegedienst. Auch zuhause hatte ich die Lage wieder besser im Griff. Trotzdem blieben meine Fantasien und Sehnsüchte. Mal mehr mal weniger intensiv.
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